verkehr stadt raum 
klühspies
           
Themen
Ausführung



Psychosoziales Regulationspotential Pep!


Definition: Psychosoziales Regulationspotential ( Pep! )

Das Psychosoziale Regulationspotential (kurz: "Pep!") eines Verkehrsmittels ist die Gesamtheit aller emotional wirksamen Gelegenheiten, die ein Verkehrsmittel seinen Kunden (= Nutzer) zur Regulation der individuellen psychischen Bedürfnisse anbietet.

Erläuterung: Durch ein bestimmtes Mobilitätsverhalten können nicht nur rationale Transportmotive erfüllt, sondern in wesentlichem Ausmaß auch emotionale (psychosoziale) Interessen befriedigt werden. Im Rahmen einer marktwirtschaftlich orientierten Terminologie bieten sich zusätzlich "Angebot" und "Nachfrage" als Arbeitsbegriffe an:


Definition: Pep!-Nachfrage:

Als Pep!-Nachfrage wird die Suche der Mobilitätsteilnehmer nach geeigneten Gelegenheiten und Potentialen bezeichnet, die eine Erfüllung von individuellen psychosozialen Regulationsbedürfnissen ermöglichen.


Definition: Pep!-Angebot

Ein Pep!-Angebot ist eine Einladung zu psychosozialer (emotionaler) Regulation, welche den Mobilitätsteilnehmern von einem Verkehrsmittel (oder Verkehrskonzept) zur Erfüllung von psychosozialenr Regulationsbedürfnissen offeriert wird.

 

Die Gesamtheit der verschiedenen, mehr oder minder attraktiv erscheinenden Regulationsangebote bildet das psychosoziale Regulationspotential eines Verkehrsmittels (oder Verkehrskonzeptes).



Mobilität mit Pep! - eine Pauschalisierung?

Die Pep!-Thesen stellen eine Verallgemeinerung emotionaler Bedürfnisse bei der Mobilitätsausübung dar. Die Ebene des Individuums wird verlassen und eine Gültigkeit pauschal als "allgemeingültig im Rahmen westlicher Gesellschaften" behauptet. Die Frage, ob dies eine unzulässige Verzerrung darstelle, liegt daher nahe.

Für Pep! gilt, dass die unter diesem Begriff zusammengefassten Emotionen bei der Verkehrsmittelwahl grundsätzlich als relevant und dominant gelten können. Eine Aussage zum Grad der individuellen Nachfrage, d.h., wie stark ein spezielles psychosoziales Regulationsbedürfnis bei einer bestimmten Person auftritt, ist damit jedoch nicht verbunden.

Die individuellen Nachfrage-Präferenzen bezüglich Pep! können im Rahmen empirischer Untersuchungen nur verallgemeinernd beschrieben werden. Entscheidend für Planungszielsetzungen ist allerdings ohnehin ein Vorgehen, das auf allgemeine Verhaltenstrends reagiert. Es erscheint nicht sinnvoll, isolierte Einzelpräferenzen zur Grundlage einer Planung zu machen.

Hinzu kommt, dass Pep!-Nachfragepräferenzen auch von wechselndem individuellem Befinden und externen Faktoren beeinflusst werden und daher (auch auf eine Einzelperson bezogen) keine konstante Größe darstellen. Ein Versuch detaillierterer Betrachtung lässt daher keinen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn mehr erwarten. Es lässt sich daher feststellen, dass Pep! nicht zu einer unzweckmäßigen Pauschalisierung der Betrachtung zu führen scheint.

Auch Verkehrsplaner und verwandte Experten werden in ihrem Planungspräferenzen von psychosozialen Regulationsbedürfnissen bestimmt. Gerade bei diesem Personenkreis ist - im Gegensatz zu den meisten anderen Bevölkerungsgruppen - die jeweilige psychosoziale Regulationskonstellation von besonderer Bedeutung. Die Beeinflussung durch aktuelle Regulationsbedürfnisse wirkt sich auf das jeweilige Planungsverhalten der Experten aus. So kann es z.B. als wahrscheinlich gelten, dass Planer und Politiker, die etwa den Besitz eines "sportlichen" Kfz stark mit ihrer persönlichen Selbstdarstellung, Image- und Prestigeförderung verknüpfen, nur wenig Bereitschaft für Kfz-verkehrsmindernde Maßnahmen aufbringen werden, besonders falls diese sie auch noch persönlich "unangenehm" betreffen sollten.

Die These "Psychosoziale Regulationsbedürfnisse nehmen intensiven Einfluss auf das individuelle Planungsverhalten der Experten" kann als wahrscheinlich gelten, entzieht sich im Rahmen dieser Arbeit aber weiterer Verifizierung, weil erstens keine konkreten Untersuchungen dieser Art bekannt geworden sind und zweitens auch zukünftig wohl keine aussagekräftigen Untersuchungen dieser Art erwartet werden können: Die zu befragenden Experten sind mit der Gestaltung empirischer Untersuchungen berufsbedingt meist selbst gut vertraut. Daher ist abzusehen, dass eventuelle kritische Aussagen geschönt oder kaschiert ausfallen werden. Dies dürfte die Qualität der zu erwartenden Ergebnisse von Beginn an wesentlich beeinträchtigen.



Zur Kulturrelativität des Pep!

Die Pep!-Definition beruht auf einem Versuch der Eingrenzung relevanter Emotionen und Wünsche bei der Verkehrsmittelwahl. Diese emotionalen Faktoren wurden überwiegend im westeuropäischen Kulturraum auf der Basis der hier vorherrschenden Werte analysiert. Eine Gültigkeit kann daher auch vor allem für Westeuropa erwartet, aber nicht ohne eine Überprüfung global verallgemeinert werden.

Eine globale Übertragbarkeit von Pep!-Nachfragen und Pep!-Angeboten erscheint bisher nicht wissenschaftlich fundiert. Es kann jedoch als Forschungshypothese behauptet werden: Eventuelle Unterschiede im internationalen Rahmen sind weniger in einem völligen Fehlen (oder auch einem Plus) an Pep! zu sehen, sondern liegen eher in relativen Wichtigkeitsunterschieden.

Die Hypothese erwartet damit zwar eine kulturübergreifende Bedeutung der benannten psychosozialen Regulationsbedürfnisse, betont jedoch zugleich auch, dass die Rolle der einzelnen Regulationsbedürfnisse in Abhängigkeit vom jeweiligen gesellschaftlich-kulturellen Kontext erheblich variieren kann.



Japan , China

Indizien für kulturübergreifende Relevanz des Pep!

I. Sato führte in Japan bereits 1991 eine Untersuchung zur Kfz/Motorrad-Freizeitmobilität junger Stadtbewohner durch. Im Ergebnisbericht betont er die Relevanz emotionaler Faktoren und hebt dabei besonders Image- und Prestigeförderung, Identitätsfindung und Angstlustregulation hervor (z.B.: Sato, 1991, S. 87f). Dagegen scheint etwa die Pep!-Nachfrage "Sozialpartnerersatz" im Vergleich mit Westeuropa eine wesentlich schwächere Rolle einzunehmen.

In ähnlicher Weise scheint auch die derzeitige Verkehrsplanung in China ein Ausdruck steigender Pep!-Nachfrage zu sein: Die ökologische Bedrohung durch eine Kfz-orientierte Motorisierungspolitik wird wohl wegen des hohen emotionalen Stellenwerts des Pkw auch in China weitgehend verdrängt. Vor allem die Pep!-Nachfrage Image- und Prestigeförderung scheint im chinesischen Kontext eine zunehmende, allgemeine Kfz-Orientierung der Bürger zu stützen. Die forcierte Motorisierungspolitik (erneut verstärkt seit 2005), die den Bewohnern der chinesischen Ballungsräume möglichst viele Kfz zum Erwerb anbieten will, berücksichtigt die in westlichen Ländern mit eben solcher Orientierung gemachten Negativerfahrungen nicht: Nach Nordamerika, Japan und Europa werden nun mit zwei bis drei Jahrzehnten "Verspätung" ähnliche Mobilitätsplanungsfehler in China wiederholt.

Diese Beispiele sind erste Indizien, die für eine gewisse kulturübergreifende Gültigkeit der Pep!-Thesen sprechen. Diese Vermutung bedarf jedoch einer wissenschaftlichen Überprüfung im Rahmen interkulturell angelegter Forschungsprojekte.

© copyright since 1998 Johannes Klühspies jok@kluehspies.de