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Psychosoziale Regulation - Ausführung



Wie Emotionen das Verkehrsverhalten prägen

Die Verkehrsmittelnutzung entscheidet sich allgemein nicht nur nach ökonomischen oder rationalen Kriterien, sondern die Wahl eines Verkehrsmittels ist erheblich von individuellen, psychosozialen Regulationsbedürfnissen abhängig.

Emotionen sind Kräfte, die das Mobilitätsverhalten wesentlich beeinflussen.  Sie müssen daher von erfolgsorientierten Mobilitätskonzepten als wichtige Faktoren der Verkehrsmittelwahl möglichst umfassend berücksichtigt werden.

Für die städtische Mobilität sind - bei starker Verallgemeinerung, unter Vorbehalt kultureller Unterschiede und bei themenbedingter Ausblendung der Fußgängerverkehre - folgende psychosoziale Regulationsbedürfnisse der Verkehrsteilnehmer als besonders wichtig zu bezeichnen:

  • Das Verkehrsmittel als Sozialpartnerersatz
    Ein Defizit befriedigender zwischenmenschlicher Kontakte kann durch "Personifizierung" eines Fahrzeugs emotional verringert werden. Das Fahrzeug wird dabei zum Ersatz für vermisste emotionale Nähe und kann Fetisch-Bedeutung bekommen.

  • Positive Selbstdarstellung, Image- und Prestigeförderung
    Mit Besitz und Nutzung eines Verkehrsmittels wird meist auch Anspruch auf ein entsprechendes Prestige erhoben. Das persönliche Image kann - je nach gewähltem Verkehrsmittel - unterschiedlich "gestylt" werden.

  • Positive Kommunikationschancen
    Das Bedürfnis nach attraktiven Gesprächskontakten mit anderen Menschen löst Mobilität aus. Mobilität ist hier eine "Suche nach neuen Kontaktchancen".

  • Freiheitsgefühlerlebnis, Angstlustregulation, Thrill
    Das Bedürfnis nach möglichst starken Gefühlen von individueller Freiheit, Selbstbestimmung und Thrill führt besonders in der Freizeit zu verstärkter Mobilitätsausübung.

  • Aggressionsregulation, Abbau sozialer Ängste
    Frustrationen durch gesellschaftliche Zwänge oder Konflikte können über aggressives Verkehrsverhalten (und eine hierfür geeignete Verkehrsmittelwahl) zumindest teilweise abreagiert werden - z.B. durch 'sportliches Autofahren'.

  • Identitätsfindung und Ausweg aus Sinnleere
    Mobilitätsteilnahme verschafft subjektiv den Eindruck der Ausübung einer sinnvollen Tätigkeit. Gefühle von Langeweile, Sinnleere, Perspektivlosigkeit und Lebenszielarmut können dadurch zeitweise überwunden werden.

  • Privatheitsregulation und Schutz des Primären Territoriums
    Eine Wahrung der individuellen Privatheits- und Territorialansprüche verlangt vor allem den Schutz vor körperlicher oder verbaler Belästigung. Die Gewährleistung eines räumlichen Mindestabstandes zu anderen Mobilitätsteilnehmern ist wichtig für das individuelle Sicherheitsgefühl.

Häufig taucht in der Diskussion auch der Begriff "Bequemlichkeit auf. Hier gilt jedoch: Bequemlichkeit ist situationsabhängig und nicht pauschal bestimmbar. Die allgemein vorherrschende Behauptung, Kfz-Mobilität sei grundsätzlich bequemer als andere Mobilitätsformen, erscheint nicht haltbar. Bequemlichkeit ist kein eigenständiger Faktor, sondern ein Mix aus mehreren anderen, u.a. auch psychosozial wirksamen Faktoren.



Verkehrsmittelwahl

Eine Frage guter "Verführungsstrategie" ?


Mit der Auswahl eines Verkehrsmittels kann der Nutzer auch eine Wahl darüber treffen, welche emotionalen Bedürfnisse er (bewusst oder unbewusst) befriedigen will. Unterschiedliche Verkehrssysteme bieten ihm hierfür unterschiedliche psychosoziale Regulationspotentiale (kurz: "Pep!") an. In der generellen Betrachtung zeigt sich, dass vor allem Individualfahrzeuge wie das Kfz - und abgeschwächt das Fahrrad - dem Nutzer zahlreiche Ansatzmöglichkeiten dafür bieten, sich selbst "emotional zu beschenken". Motorisierte Individualverkehrsmittel weisen hier ein überlegenes Pep!-Profil auf.

Der öffentliche Verkehr unterliegt im direkten Vergleich in fast allen Bereichen - mit einer Ausnahme: Die Chancen zu positiven Kommunikationskontakten sind wohl nirgends so groß wie bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die besondere potentielle Stärke des ÖPNV liegt daher vor allem in dieser Chance zur Kommunikation mit anderen Menschen. Dieser Aspekt wird daher für ÖPNV-orientierte Marketingkonzepte sicher eine zentrale Bedeutung bekommen.

Die attraktiven Pep!-Angebote des Kfz üben eine starke Anziehungskraft auf viele Verkehrsteilnehmer aus. Die Pep!-Angebote des Kfz bilden geradezu eine "psychische Falle" bei der Wahl des Mobilitätsverhaltens: Selbst wenn rationale Abwägungen gegen eine Kfz-Nutzung sprechen würden, wird wegen der psychosozialen Regulationsbedürfnisse trotzdem weiterhin das Kfz gewählt. Die Attraktivität des Kfz erweist sich hier als so stark, dass von einer "freien Wahl" des Verkehrsmittels wohl nicht mehr gesprochen werden kann: Das Kfz wird oft geradezu suchthaft bevorzugt.

Eine nachhaltige Überwindung der "Psychofalle Kfz" erscheint insgesamt nur dann möglich, wenn die mobilitätsrelevanten, emotionalen Motive (Pep!-Nachfragen) der Nutzer attraktiv angesprochen werden.

Zu einem veränderten Verkehrsverhalten muss daher durch ein zugkräftiges Angebot alternativer Pep!-Angebote "verführt" werden.

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