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Themen
Notwendige Unterscheidungen
Interventionsstrategien am Beispiel urbaner Mobilität

Notwendige und substituierbare Kfz-Verkehre

Für Städte ist es wichtig, besonders all jene Kfz-Verkehre zu gewährleisten, die für das Funktionieren des Ballungsraumes unverzichtbar sind und in dieser Funktion durch Öffentliche Verkehre nicht effektiv ersetzt werden können.

Andere Verkehre jedoch, die solche unverzichtbaren Kfz-Wirtschaftsverkehre behindern, dabei selbst aber wirkungsvoll durch Öffentliche Verkehre ersetzbar wären, sind daher als "substituierbar" zu verstehen. Substituierbare (Kfz-)Verkehre bieten sich im Rahmen von Verkehrskonzepten für eine strukturelle Beeinflussung an.

In der Stadt sind es vor allem die Lieferverkehre, Taxis, Notdienste sowie die Wartungs- und Handwerkerverkehre, die nur schwer durch Öffentlichen Verkehr abgewickelt werden können. Dieser Verkehr besteht meist aus Einzeltransporten, die in der Mehrzahl der Fälle am effektivsten mit Individualfahrzeugen abgewickelt werden können. Dieser Verkehr, der das Funktionieren der Versorgungsinfrastruktur unmittelbar gewährleistet, kann unter dem Sammelbegriff "Wirtschaftsverkehr" zusammengefasst werden. Es erscheint sinnvoll, diese wichtigen Wirtschaftsverkehre zu fördern und zu priorisieren.

Der Verkehr in den Städten wird zunehmend ineffektiver, umweltschädlicher und teurer, weil u.a. Pkw-Fahrten, die eigentlich leicht substituierbar wären, den Straßenraum beanspruchen und so eine sinnvollere Nutzung verhindern. Für München gilt beispielsweise:

"Von den [...] Pkw-Fahrten im Binnenverkehr ist etwa ein Drittel an den Pkw gebunden, weil Sachzwänge vorliegen (z.B. Lastentransport, Pkw wird beruflich benötigt, [...]) und/oder kein alternatives Verkehrsmittel zur Verfügung steht. Damit gibt es bei zwei Drittel dieser Fahrten mindestens eine Verkehrsmittelalternative; der Pkw wurde also aus subjektiven Gründen gewählt. [...] Ein großer Teil der Auto-Fahrten, die die Münchner [...] innerhalb ihrer Stadt (Binnenverkehr) unternehmen, führt über kurze Entfernungen und erreicht geringe Durchschnittsgeschwindigkeiten. Zwei Drittel dieser Fahrten sind nicht an das Auto gebunden, könnten also prinzipiell auch mit anderen - umweltschonenden - Verkehrsmitteln durchgeführt werden" (Socialdata, bereits im Jahr 1993, S. 19).

Den prinzipiell ersetzbaren Verkehren muss wohl das Hauptinteresse der Planer gelten. Sogar die sogenannten "Sachzwänge" bei individueller Kfz-Nutzung sind meist keine tatsächlichen Sachzwänge, sondern scheinen häufig Gewohnheiten, "Denkfaulheiten" und Imagegründe zu sein. Die Zahl der tatsächlich ersetzbaren Fahrten dürfte daher tendenziell sogar noch deutlich über dem heute vermuteten Umfang liegen.

Grundsätzlich ist zu fragen, ob es nicht die Berufs- und Ausbildungsverkehre sowie die Freizeitverkehre sind, bei denen die Notwendigkeit zur Nutzung eines Kfz unter rationalen Gesichtspunkten sehr gering ist. Es bestehen nur selten zwingende Gründe, die hier eine Nutzung des Pkw unverzichtbar erscheinen lassen würden.



Notwendig versus Substituierbar


Notwendige Kfz-Verkehre sind
- die Wirtschaftsverkehre,
- die Not- und Sozialdienste,
- die Schulbusse und ähnlich geartete Transporte.
Diese können durch Öffentliche Verkehrsmittel nicht effektiv ersetzt werden. Für diese Verkehrszwecke ist das Kfz sinnvoll; es ist daher hier durch mobilitätsstrategische Ansätze zu unterstützen.

Andere Verkehrsarten (z. B. Freizeit-, Berufspendler-, Ausbildungsverkehre), die mit Öffentlichen Verkehrssystemen effektiv und effizient abgewickelt werden können, sind dagegen geeignete Substitutionsziele für zukunftsorientierte Mobilitätsstrategien.

Die entstehenden Handlungsnotwendigkeiten sind nur im Rahmen von psychosozial qualifizierten Interventionsstrategien erfolgreich realisierbar. Verkehrspolitik in Städten ist ein emotional stark überprägtes Thema, das mit geeigneten Strategien insgesamt behandelt werden muss.

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Realistische Unterscheidungen zwischen "notwendig, wünschenswert oder verzichtbar" verlangen oft den Mut, interdisziplinäre Herangehensweisen zuzulassen. "Relevanter" Erfolg ist nicht das Funktionieren eines techischen Systems, sondern seine Akzeptanz durch Kunden.
(Bild: Trassenbau Transrapid Shanghai)
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