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einige Aspekte der Historie

Bereits im 6.Jh. war das Gebiet von Kyoto vom chinesischstämmigen Hata-Clan besiedelt. Die Gründung des Koryu-Tempels durch die Nachfahren der Hata im Jahr 623 gilt heute oft als der eigentliche Beginn der Geschichtsschreibung in Kyoto. Als im 8.Jh. dem japanischen Kaiser Kammu der Einfluss der buddhistischen Mönche auf die Staatspolitik zu groß wurde, verlegte er 794 den gesamten Regierungssitz von Nara nach Kyoto. Die energisch protestierenden, buddhistischen Würdenträger mussten zurückbleiben - der machtpolitische Abstieg Naras war die wichtigste Voraussetzung für den Aufstieg Kyotos.

Nach dem Vorbild der Stadt Chang’an (heute Xi’an, China) wurde auch Kyoto im Schachbrettmuster angelegt. Die Straßen waren breit und kreuzten sich rechtwinklig, was schnellen Überblick sowie gute militärische Kontrolle gewährleistete. Kyoto entwickelte sich sehr rasch zum herausragenden Zentrum von Kunst und Kultur in Japan, wobei sich auch das gesellschaftliche Leben der Heian-Periode (794-1192) völlig am großen Ideal China orientierte: Einen chinesischen Lebensstil umfassend nachzuahmen galt als Ausdruck besonders hoher Kultivierung. Im Mittelpunkt des blühenden Lebens am Hofe stand wie in China der Kaiser (Tenno), der über zahlreiche Kurtisanen verfügte und den ein Heer von Dienern und Wächtern umgab.

Im 13.Jh. brachen dramatische Entwicklungen über Kyoto herein. Mit dem Erstarken des Shogunats ab 1221 - hohe Militärführer übten zunehmend die politische Macht aus - wurde der Einfluss der japanischen Kaiser erheblich beschnitten. Regionale Machthaber begannen sich mit Hilfe ihrer Samurai-Truppen blutig um mehr Einfluss zu bekämpfen, was schließlich in verheerende Bürgerkriege mündete, die noch bis weit ins 16.Jh. tobten. In dieser Zeit wurde Kyoto durch mehrere schwere Brände weitgehend in Schutt und Asche gelegt, die meisten Tempel und Paläste wurden ein Raub der Flammen.

Unter dem Soldatenführer Oda Nobunaga (1534-1582) sowie seinem Nachfolger Hideyoshi Toyotomi (1536-1598), wurde Japan befriedet. Der Wiederaufstieg Kyotos begann. Die alten Tempel wurden neu erbaut oder restauriert, der Kaiserpalast rekonstruiert und die ganze Stadt modernisiert. Man erinnerte sich wieder der traditionellen Stadtstrukturen und erneuerte die rechtwinklige Ausrichtung der Stadt, was bis heute die Orientierung erleichtert.

In der Edo-Periode (1603-1867) erwuchs Kyoto in Tokyo, das damals Edo genannt wurde, ein immer stärker werdender Konkurrent. Tokyo setzte sich schließlich durch, und wurde 1868 unter dem Kaiser Meiji zur Reichshauptstadt erhoben (Meijizeit, 1867-1912). Damit ging zwar die Glanzzeit Kyotos endgültig zu Ende, ihren Ruf als Stadt der traditionellen Künste konnte Kyoto dennoch bewahren. Auch einige rituelle Zeremonien der Kaiserkrönung werden bis heute im Kaiserpalast von Kyoto durchgeführt.

Im Großen Pazifischen Krieg (1941-1945) war Kyoto als primäres Ziel für die erste US-Atombombe ausgewählt worden. Amerika hatte gehofft, durch die Vernichtung dieser bedeutenden Kulturhochburg die Kampfmoral der Japaner brechen und dadurch eine rasche Kapitulation zu erzwingen. Glücklicherweise gelang es engagierten westlichen Japankennern jedoch, der US-Kriegsführung den kulturellen Rang Kyotos so überzeugend zu verdeutlichen, dass Kyoto schließlich von der Zielliste gestrichen wurde. Die alte Kaiserstadt entging somit der Zerstörung - an ihrer Stelle wurden Nagasaki und Hiroshima zum Opfer der atomaren Vernichtung.

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